Sonntag , 16. Januar 2022
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Caroline E. Heil: Wie eine 32-jährige Vorständin Female Empowerment lebt und dabei Vorurteilen und eingefahrenen Verhaltensweisen aktiv begegnet

2021-08-03-Female Empowerment
Copyright: Jan Zuehlke

Auch im Jahr 2021 stellen Frauen im Vorstand deutscher Unternehmen immer noch eine Ausnahme dar. Caroline E. Heil hat es vor einigen Wochen dennoch zur Vorständin des börsengelisteten Unternehmens für Fleischalternativen The New Meat Company gebracht. Doch auf dem Weg dorthin wurden ihr der ein oder andere Stein in den Weg gelegt und so ist es ihr ein wichtiges Anliegen Frauen zu empowern.

Frau Heil, mit nur 32 Jahren haben Sie es zur Vorständin der The New Meat Company AG gebracht. Welchen Rat würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben, die gerade vor dem Beginn ihrer Karriere stehen?

Einen konkreten Rat habe ich nicht. Das ist auch sehr schwierig und immer ganz individuell und situationsbezogen. Aber meinen Lebensweg haben ein paar Grundsätze geprägt, die vielleicht hilfreich sein können für Karriere-Starterinnen. Zu tief ins Detail möchte ich hier nicht gehen, um nicht den Rahmen zu sprengen. Aber meine drei “Favoriten”, mit denen ich immer gut gefahren bin, möchte ich gerne teilen:
1. Sei stets neugierig und mutig. Sprich mit so vielen Menschen wie möglich, lerne die richtigen Fragen zu stellen und “saug“ alles auf, um konstant zu lernen. Hol dir dabei viel Rat und Inspiration, um deine Richtung zu finden. Aber vergiss dabei nie: In dir drin ist der Kompass, auf den du am Ende hörst. Nur du entscheidest und bestimmst den Weg. Manchmal entgegen vieler guter Ratschläge, da kommt dann das “Mutig-Sein“ ins Spiel.
2. Hab immer einen Plan. Wie beim Schach. Denke immer mehrere Züge im Voraus. Sei Stratege. Und bei all den durchdachten Plänen und Zielen: Sei stets bereit im richtigen Moment alles umzuwerfen und neu zu denken. Egal wieviel Aufwand hinter einer Planung gesteckt hat und wie schade es um die investierte Zeit ist: Manchmal muss man alles über den Haufen werfen, um einen noch besseren Plan zu folgen.
3. Lass dich nicht entmutigen. “Kritiker“ gehören zum Leben dazu und können dich persönlich sehr weit nach vorne bringen. Leider ist Kritik oft destruktiv und wenige Menschen geben wirklich gutes Feedback. Du musst hier lernen zu filtern: Was fasse ich wie auf, was ignoriere ich und was nehme ich als Anlass mich in bestimmten Verhaltensweisen zu ändern. Gerade als Frau wirst du in deiner Karriere in Situationen, die Durchsetzungskraft erfordern, nicht nur einmal hinter deinem Rücken von Männern abfällig hören: “Die hat Haare auf den Zähnen”. Lerne das als Kompliment aufzufassen: Haare auf den Zähnen bekommt man nur attestiert, wenn die sachlichen Argumente ausgegangen sind. Du hast es geschafft! (zwinkert und lacht)

Nur knapp jede dritte Führungsperson ist weiblich. Welchen Schwierigkeiten stehen Frauen im Joballtag ihrer Meinung nach gegenüber und wie können Unternehmen handeln, um Female Empowerment nicht nur zu verfolgen, sondern tatsächlich zu leben?

Wenn wir Female Empowerment leben wollen, müssen wir vielen Vorurteilen und eingefahrenen Verhaltensweisen aktiv begegnen. Wir müssen umdenken und möglichst viel über Chancengleichheit und Gleichberechtigung sprechen. Ich habe schon oft von Männern und Frauen gehört, dass das Themen seien, über die wir in unserer heutigen Zeit nicht mehr sprechen müssten. Weil wir angeblich schon angekommen seien und Ungleichberechtigung kein Thema mehr sei. Aber das ist aus meiner Sicht falsch: Allein das Schließen der Gender-Pay-Gap wird nach den wissenschaftlichen Hochrechnungen noch über 100 Jahre dauern und die von Ihnen genannten Zahlen von Frauen in Führungspositionen sprechen Bände für sich. Dass ich hier als Vorständin eines börsengelisteten Unternehmens die Ausnahme sein darf, freut mich sehr.

Ich vergesse aber nicht, dass das ein Privileg ist und man hier nicht “blind” werden darf, nur weil man selbst eine solche Stellung Inne hat. Ich persönlich habe oft erlebt, dass man als Frau bei einem Job viel mehr kämpfen muss als die männlichen Kollegen: Das fängt damit an, dass man bei ersten Begegnungen nicht ernst genommen wird, weil man weiblich ist, vielleicht jung ist, gut aussieht. Ich weiß nicht, wie oft ich in Business-Meetings nicht als Anwältin erkannt wurde und die Kaffee-Bestellungen an mich gerichtet wurden. Je nach Situation und Gegenüber habe ich das lachend mit einem witzigen Spruch ausgeführt oder auch schon mal in schärferen Ton auf das Sekretariat verwiesen. Oft ist das nicht böse gemeint, zeigt aber, dass Frauen direkt in eine bestimmte Schublade gesteckt werden. Auch auf Fachkonferenzen ist man oft als Frau ein Exot. Freunde von mir haben vor 10 Jahren in den USA eine Konferenz ins Leben gerufen, die sich „Women in Agribusiness” (WIA) nennt. Hier gibt es nur weibliche Speaker. WIA ist eine der global größten Agrar-Konferenzen und daraus entstanden, dass Konzerne trotz mehrfacher Nachfrage der Veranstalter immer nur Männer als Redner zu den Konferenzen geschickt haben. Jetzt mit WIA gibt es aber plötzlich genug kluge, wunderbare Frauen, die als Redner zur Verfügung stehen. Komisch, oder? (Lacht schmunzelnd) Auch das Thema Kinder und Karriere ist immer noch eine Sache, über die wir reden müssen: Es gibt schon einige Frauen und Männer, die das gemeinsam vormachen und Vorbilder sind.

Aber Familiengründung bedeutet einfach, dass der Beruf an manchen Stellen zurückgesteckt oder anders organisiert werden muss. Das muss unsere Gesellschaft und Frauen und Männer gemeinsam tun dürfen, ohne dass die Karriere-Chancen für Frauen plötzlich den Bach runter gehen. Auch Männer, die sich entscheiden in Elternzeit zu gehen, müssen Unterstützung finden. Da sind wir wieder bei dem Thema des gesamtgesellschaftlichen Umdenkens. In den letzten Jahren habe ich oft mit Männern – aber auch mit Frauen – gesprochen, die mir säuerlich erzählt haben, wie unmöglich sie es fänden, wenn Frauen in bestimmen Jobsituationen bevorzugt werden. Oftmals seien die männlichen Kollegen doch vermeintlich qualifizierter. Das ist für mich der Ausdruck eines Denkfehlers, der tief in den Köpfen verankert ist: Bei ca. 50 % weiblicher Bevölkerung und der Tatsache, dass Frauen statistisch inzwischen bessere Studienabschlüsse hinlegen als Männer – aber Männer ganz dominant bestimme Berufe und Führungspositionen beherrschen – sind Frauen de facto nicht existent. Wie kann das sein? Wo bleiben die Frauen auf der Strecke? Und wie kann da jemand mit gutem Gewissen behaupten, Frauen würden bevorzugt werden? Ich habe Probleme diese Bevorzugung auch nur im Entferntesten zu erkennen. Das ist alles sehr pauschal daher gesagt, aber es stellt das Kernproblem aus meiner Sicht dar.

Female Empowerment zu leben hat ganz viel mit den Mindset in den Köpfen der Menschen zu tun: Wir müssen also weiterhin möglichst viel darüber sprechen. Wir müssen als Vorbilder zeigen, dass Female Empowerment gelebt wird. Wir brauchen Frauen in den Vorständen, in der Geschäftsführung in allen Arten von Führungspositionen. Und bis das Mindset in allen Köpfen vorhanden ist, müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die Frauen den Weg an die Spitze ermöglichen. Wir sind auf einem guten Weg, haben aber noch eine lange Reise vor uns. Wir müssen jetzt ein bisschen Lärm machen.

Ihr Unternehmen scheint nicht nur das Rollendenken vergangener Tage hinter sich gelassen zu haben, sondern zugleich einer ganzen Industrie den Kampf anzusagen. Wie sehen die Pläne des Unternehmens konkret aus?

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, „Umdenken“ aktiv voranzutreiben: „Rethink Animal Production!“ ist ein Slogan, den wir für uns beanspruchen. Die aktuell vorherrschende Tierproduktion und der Konsum von tierischen Lebensmitteln, wie wir ihn in großen Teilen unserer Gesellschaft vorfinden, bringt viele Nachteile mit sich: Tierhaltung ist unheimlich ressourcenintensiv. Es werden riesige Mengen an Wasser und Tierfutter benötigt, viel CO2 ausgestoßen. Eigentlich ist es doch paradox, beispielsweise im Schnitt 13 kg Soja in eine Kuh zu stecken, um dann 1 kg Fleisch zu gewinnen, oder? Dazu kommt dann noch die gesamte Frage des Tierwohls: Wie kann man Tiere halten, damit die Haltungsform mit unseren ethischen Standards und artgerechten Lebensbedingungen einhergeht. Massentierhaltung ist aus meiner Sicht ein absolutes Auslaufmodell.

Unsere Gesellschaft steht vor sehr vielen selbstverursachten „Tipping Points“ wie Klimawandel, Wasserknappheit, Degradierung der Böden. Ein Hochwasser wie das Aktuelle zeigen, dass die Uhr schon 12 geschlagen hat und wir uns vor Klimawandel und Co nicht mehr verstecken können. Wir müssen jetzt handeln: Unsere Ernährung umzustellen ist dabei der einfachste Beitrag, den jeder von uns jeden Tag für unsere Umwelt leisten kann. Das heißt aber de facto den Fleischkonsum ganz massiv runterfahren – vielleicht sogar ganz auf vegan oder vegetarisch umstellen – und Fleisch nur zu konsumieren, wenn dies nachhaltig gewonnen wurde. Auch ist es inzwischen unstreitig, dass wir nicht mehr als 2 Tage die Woche Fleisch essen dürfen, wenn wir gesund bleiben möchten. Das ist die eindeutige Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Zu all diesen Themen wollen wir als The New Meat Company einen Beitrag leisten, indem wir als Plattformgesellschaft und Impactinvestor ein langfristiges Unternehmensportfolio auf die Beine stellen, dass dieses notwendige Umdenken auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette unterstützt. Von Food-Tech zum veganen Fleischersatz oder Labor-Fleisch – wir haben viele Ideen.

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